Start-ups sind wichtigste Innovatoren für Künstliche Intelligenz

19.5.2018

Artifizielle Intelligenz ist das Zukunftsthema schlechthin. Datenraum-Anbieter statten ihre Software mit intelligenten Systemen aus, die beim Kauf von Unternehmen bzw. Unternehmensanteilen helfen sollen, Zeit und Geld zu sparen. Vor allem das automatisierte Erkennen und Abgleichen von wichtigen betriebswirtschaftlichen Kennzahlen, die für eine Beteiligung sprechen, helfen Investoren bei der ersten Prüfung der Datenraum-Dokumente. Insbesondere bei der Distressed M&A, also Transaktionen, die aufgrund einer Liquiditätskrise oder anderen Themen unter zeitlichem Druck stehen, können künstliche Intelligenz (KI) die Due Diligence unterstützen und beschleunigen.

Platz 1 USA – Platz 2 Europa

Doch nicht große Konzerne, sondern Start-ups sind hier die bestimmenden Innovationstreiber, wie nun die Unternehmensberatungsgesellschaft Roland Berger herausgefunden hat. Auf ihr Konto gingen Technologien wie Bilderkennung, Sprachverarbeitung oder automatisiertes Fahren. Im globalen Konkurrenzkampf liege es im Interesse aller Wirtschaftsnationen, ein starkes Ökosystem für diese jungen Unternehmen aufzubauen. Stand heute hätten die USA beim Thema KI eine Führungsrolle übernommen. Roland Berger schätzt, dass 40 Prozent aller KI-Start-ups hier ansässig sind. Europa liegt nach Berechnung mit 22 Prozent an zweiter Stelle vor China und Israel. Das sind Ergebnisse der neuen Studie „Artificial Intelligence – A strategy for European startups“, für die Roland Berger und Asgard rund 3.500 Unternehmen und Start-ups im KI-Bereich analysiert haben. Die Untersuchung stellt die erste umfangreiche Datenerhebung in diesem Bereich dar und formuliert politische Empfehlungen für Europa.

„KI-Champions“ aufbauen

Künstliche Intelligenz gilt als ein wichtiger Innovationstreiber
Foto: fotolia.com, honlamaiphoto

Für Charles-Edouard Bouée, CEO von Roland Berger, ein gutes Zeichen: „Der zweite Platz hinter den USA zeigt, wie dynamisch Europa in diesem Bereich ist.“ Dies könne aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Initiativen national vorangetrieben werden und keine klare, von der EU-getragene Strategie für ein europaweites KI-Ökosystem verfolgt wird. Europa müsse beim Thema KI mit einer Stimme sprechen. Fabian Westerheide, Gründer und CEO von Asgard, ergänzt: „Europa sieht sich zwei Herausforderungen gegenüber: „KI-Champions“ aufzubauen und entsprechende Technologien schnell zu implementieren, um Wettbewerbsvorteile zu realisieren und nicht weiter Boden an die Konkurrenz aus den reiferen Märkten in Amerika und Asien zu verlieren.“

Europäische Industrie kämpft noch mit der KI-Wende

Kein europäisches Land erreicht bislang im globalen Vergleich eine kritische Masse an KI-Start-ups: Großbritannien liegt auf Platz vier (245 Start-ups), Frankreich auf Platz sieben (109 Start-ups) und Deutschland auf Platz acht (106 Start-ups). „Die Resultate zeigen klar auf, dass Maßnahmen auf europäischer und nicht auf nationaler Ebene notwendig sind. Angesichts der amerikanischen und chinesischen Konkurrenz braucht Europa ein attraktives Ökosystem“, sagt Axelle Lemaire, Global Head Terra Numerata™, dem digitalen Partnernetzwerk von Roland Berger. Terra Numerata™ bringt Inkubatoren, Investoren, Technologieanbieter sowie Akteure aus der Digitalwirtschaft ganz unterschiedlicher Branchen und Größen zusammen.

Einige wichtige Wirtschaftssektoren unterrepräsentiert

Mit Blick auf den Branchenfokus der KI-Start-ups sind einige wichtige Wirtschaftssektoren Europas unterrepräsentiert. Zu ihnen zählen Energie (2%), Automobil (1%), Immobilien (1%), Landwirtschaft (1%) und öffentliche Verwaltung (weniger als 1%). „Wir haben erwartet, dass Technologien wie Robotik, das Internet der Dinge (IoT) und selbstfahrende Autos, in denen Europa führend ist, überproportional vertreten sind“, ergänzt Westerheide. „Unsere Ergebnisse sprechen aber eine andere Sprache. Sie rufen die Frage auf, ob etablierte europäische Industrien fähig sind, sich auf wichtige Technologietrends einzustellen und so ihre Führungsposition zu behaupten.“

Europäische Rahmenbedingungen für Start-ups setzen

Die Experten von Roland Berger empfehlen ein Bündel an Maßnahmen auf europäischer Ebene, um die Entwicklung von KI-Start-ups auf dem gesamten Kontinent voranzutreiben.

1. Ein europaweiter Unternehmensstatus für Start-ups
Der sogenannte Young European Start-up-Status (YES!) soll Firmen Zugang zu staatlichen Programmen und zum gesamten europäischen Markt ermöglichen. Er zielt darauf ab, grenzüberschreitende Geschäfte, die Rekrutierung von hochqualifiziertem Personal innerhalb ganz Europas und internationale Investitionen anzukurbeln. YES! sollte rechtlich auf europäischer Ebene verankert werden und nicht nur an bereits existierende nationale Initiativen anknüpfen.

2. Höhere Investitionen in junge Unternehmen
Verhältnismäßig fließt nur wenig Kapital in europäische KI-Start-ups: 2017 sammelten KI-Start-ups in einer durchschnittlichen Finanzierungsrunde in Frankreich 3 Millionen Dollar und in Deutschland 2 Millionen Dollar ein. Zum Vergleich: In den USA waren es 10 und in China sogar 36 Millionen Dollar. Um diese Situation zu verbessern, sollte Europa Investitionen von Großunternehmen fördern und gleichzeitig die Finanzierung von Innovationen insgesamt diversifizieren. Öffentliche Investitionen über den Europäischen Investitionsfonds oder höhere Mittel aus dem EU-Haushalt sollten ebenfalls eine zentrale Rolle einnehmen. Zudem könnte die Einrichtung einer europäischen Innovationsagentur das KI-Ökosystem unterstützen.

3. KI-Fachkräfte fördern und Austausch zwischen Wirtschaft und Wissenschaft stärken
Europa sollte ein attraktives Ziel für ausländische Unternehmer und Forscher sein: Ein spezielles Start-up-Visum kann die Anziehungskraft der EU für Talente erhöhen. Zudem können europäische Initiativen Kooperationen von Forschungsinstituten und Start-ups fördern. Der personelle Austausch und schnelle Technologietransfer haben für den Erfolg von Start-ups große Bedeutung.

„Neben dem „KI-Wettrüsten“ zwischen den USA und China gibt es Raum für einen dritten, einen europäischen Weg“, fasst Axelle Lemaire zusammen. „Damit dieser zum Erfolg führt, braucht der Kontinent einen einheitlichen Plan, der alle verfügbaren Ressourcen zusammenführt und so ihre Wirkung verstärkt.“

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