Große Schwierigkeiten bei der Identifizierung von Computerkriminellen

12.7.2019

In Deutschland haben offensichtlich Unternehmen große Schwierigkeiten, die Computerkriminellen zu identifizieren. 85 Prozent der von Computerkriminalität betroffenen Unternehmen können den Täter lediglich der Kategorie „unbekannt extern“ zuordnen. Sie sind somit nicht in der Lage, Angriffe effektiv zu verfolgen und aufzuklären. Damit geht zugleich die Gefahr einher, dass Delikte gänzlich unentdeckt bleiben.

Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle KPMG-Studie „e-Crime in der deutschen Wirtschaft 2019“. Hierfür wurden 1.001 repräsentativ nach Branche und Umsatz ausgewählte Unternehmen zu ihren Erfahrungen im Bereich der Computerkriminalität befragt.

KPMG-Partner Michael Sauermann, Leiter Forensic Technology Deutschland: „Es ist eine der größten Herausforderungen für die Unternehmen, dass Täter kaum identifiziert werden können. Das muss wachrütteln. Diese Tatsache gibt zudem Grund zur Annahme, dass viele Angriffe gar nicht erst entdeckt werden und somit ein großes Dunkelfeld bestehen könnte“.

Tatsächlich gaben 39 Prozent der befragten Unternehmen an, dass sie in den vergangenen zwei Jahren von Computerkriminalität betroffen waren. Michael Sauermann: „Unternehmen werden verstärkt über verschiedenste Angriffsvektoren attackiert und müssen sich künftig besser auf alle Angriffsszenarien vorbereiten“.

Betriebsausfälle durch Schad-Software

Eines dieser Angriffsszenarien, das Unternehmen aktuell besonders beschäftigt, sind sogenannte Ransomware-Angriffe, auch als Verschlüsselungs-Trojaner bekannt. Bei der letzten KPMG-Umfrage im Jahr 2017 kannte erst knapp die Hälfte der Unternehmen diese Art von Computerkriminalität, inzwischen ist Ransomware jedoch fast jedem ein Begriff (99 Prozent).

Und das hat Gründe: Tatsächlich war knapp ein Drittel der Befragten mit Ransomware konfrontiert. Weitere 28 Prozent konnten Angriffe abwehren, bevor diese zum Erfolg führten. Insbesondere bei großen Unternehmen zeigt sich im Vergleich zur Vorgängerstudie ein deutlicher Anstieg bei der Zahl der Attacken. So hat sich der Anteil der Betroffenen verdoppelt – der diesjährigen Befragung zufolge war dies bei etwa jedem dritten großen Unternehmen der Fall und auch jedes dritte kleine und mittlere Unternehmen war betroffen.

Bei mehr als einem Viertel aller von Ransomware betroffenen Unternehmen kam es infolge der Attacke zu einem Betriebsausfall. Dieser dauerte durchschnittlich 39,8 Stunden, bei jedem fünften Unternehmen dauerte es sogar mehr als zwei Tage, bis der Betrieb wieder aufgenommen werden konnte.

Ransomware-Angriffe nutzen inzwischen nicht mehr nur die bloße Interaktion eines einzelnen Mitarbeiters aus, zum Beispiel durch das Öffnen von in der E-Mail enthaltenen Links oder Anhängen, sondern lesen mittlerweile auch das gesamte Adressbuch der attackierten Person aus und versenden Schad-Software an alle dort hinterlegten Kontakte.

Michael Sauermann: „Zwar belaufen sich die Schäden in einigen Fällen auf vergleichsweise geringe Summen, doch insbesondere bei längeren Betriebsausfällen können Ransomware-Angriffe das Unternehmen Millionenbeträge kosten.“ Grafik: statista, Quelle: KPMG

Hacker-Angriffe als Dienstleistung nehmen zu

Hacker-Angriffe werden zunehmend auf dem Schwarzmarkt eingekauft, was als ‚Hacking as a Service‘ bezeichnet wird. Sauermann: „Hacking-Angriffe können im Darknet käuflich erworben werden. Von Ransomware-Attacken über Überlastungsangriffe bis hin zu sogenannten Advanced Persistent Threats einschließlich Datendiebstahl ist alles erhältlich.“

Durch dieses Phänomen wird es zunehmend schwieriger, potenzielle Gefahrenquellen und die tatsächlichen Täter hinter einem Angriff auszumachen. In der Wahrnehmung der Befragten geht die Gefahr von computerkriminellen Angriffen vor allem von der Organisierten Kriminalität aus (79 Prozent). Schon in der Befragung des Jahres 2017 handelte es sich hierbei um die meistgenannte Gefahrenquelle. Zudem werden Geheimdienste bzw. staatliche Institutionen (50 Prozent) sowie aktuelle Mitarbeiter (48 Prozent) von den meisten Studienteilnehmern als potenzielle Täter betrachtet.

Unternehmen noch immer zu zögerlich bei Prävention

Nach wie vor werden 37 Prozent der Cyberangriffe rein zufällig aufgedeckt. Sauermann: „Das ist eine bedenklich hohe Zahl. Sie unterstreicht, dass die Aufdeckung computerkrimineller Handlungen Unternehmen große Probleme bereitet. Insofern gibt es erneut Anlass zu der Annahme, dass viele Delikte in einem Dunkelfeld geschehen.“

Es gilt also für Unternehmen, die Zufallsabhängigkeit durch effektive und angemessene Präventionsmaßnahmen zu minimieren. Daher müssen insbesondere grundlegende Vorkehrungen im Umgang mit Computerkriminalität, wie beispielsweise die Schulung der Mitarbeiter, berücksichtigt werden. Denn nach wie vor fehlt es Mitarbeitern in deutschen Unternehmen zu oft an Verständnis für komplexe Technologien (83 Prozent), um Verdachtsfälle effizient zu beurteilen. Zudem ist es für zwei Drittel der Unternehmen eine massive Herausforderung, kompetente Mitarbeiter zu rekrutieren bzw. entsprechend weiterzubilden.

Darüber hinaus ist die Investitionsbereitschaft der Unternehmen im Bereich der Prävention nach wie vor verhältnismäßig gering. Knapp 20 Prozent der befragten Unternehmen investieren unter 10.000 Euro im Jahr, um e-Crime vorzubeugen, weitere 28 Prozent zwischen 10.000 und 50.000 Euro und nur jedes vierte Unternehmen mehr als 50.000 Euro.

Gut zwei Drittel der Befragten (68 Prozent) haben infolge eines Vorfalls ihre Präventionsmaßnahmen angepasst. KPMG-Partner Sauermann: „Aus Schaden wird man klug. Aber auch bislang noch nicht betroffene Unternehmen müssen lernen, sich permanent gegen neue Angriffsmuster zu wappnen, da neuartige Technologien immer wieder eine Überprüfung der bereits getroffenen Maßnahmen erfordern.“

Nur jedes fünfte Unternehmen verfügt über Spezialeinheiten für Schutz der IT-Infrastruktur

Michael Sauermann: „Die Methoden Cyberkrimineller entwickeln sich stetig weiter. Um mit der Entwicklung der Täter Schritt zu halten, müssen Unternehmen im Bereich der Prävention ihre Maßnahmen weiter intensivieren und professionalisieren.“

Die Professionalisierung des Schutzes der IT-Infrastruktur setzen einige Unternehmen durch dezidierte Unternehmenseinheiten um, wie zum Beispiel durch Security Operations Center (SOC) oder Computer Emergency Response Teams (CERT). Doch nur etwa 20 Prozent der Befragten verfügen über diese Spezialeinheiten, um e-Crime gezielt zu bekämpfen.

Unternehmen mit einem Umsatz über drei Milliarden Euro haben etwa drei Mal so oft SOCs und/oder CERTs in ihrem Unternehmen etabliert (23 Prozent) wie die Studienteilnehmer mit einem Umsatz von unter 250 Millionen Euro (nur acht Prozent).

Nachfrage nach Cyberversicherungen wächst

Für die kommenden zwei Jahre rechnen drei Viertel der Befragten damit, dass das Risiko von Computerkriminalität steigt. Vor diesem Hintergrund versichern sich Unternehmen zunehmend gegen e-Crime. Während 2017 nur 55 Prozent der Befragten um die Existenz einer solchen Versicherung wussten, sind es nun zwei Drittel. 27 Prozent dieser Unternehmen besitzen mittlerweile eine solche Versicherung und weitere 28 Prozent dieser Teilgruppe erwägen, eine Cyberversicherung abzuschließen.

Die gesamte Studie können Sie hier herunterladen:

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